Der weisse Sound

Der weiße Sound in der Gongmeditation

Lösen von Blockaden und alten Mustern

von Satya Singh A.J. Renner


Ich sitze in einem Yogazentrum und beobachte die Menschen, wie sie hereinkommen. Für sie spiele ich heute eine Gongmeditation. Freudig, etwas Schönes erwartend bemerke ich die Einen, ein wenig unsicher, ob des Neuen und Unbekannten, betreten die Anderen den Raum. Doch alle sind sie dazu bereit, sich dem Klang meines Gongs hinzugeben.

Wenn wir auf ein Stück Holz klopfen, so erwartet unser Verstand einen bestimmten Ton, der ihm sicher geliefert wird. Er fühlt sich bestätigt und gibt als Reaktion weiter: Alles in Ordnung. Der Klang des Holzes ist vorhersehbar und als bekannt abgespeichert. Die Rezeptoren erhalten das, was sie erwarten. Sie wurden danach programmiert. Wir nennen es Muster oder Programme in unserem Kopf. Sie geben uns Sicherheit, lassen uns zwischen gut und schlecht, annehmend und ablehnend unterscheiden. Wir tragen abertausende von diesen kleinen Programmen und Mustern in uns - bereits seit der Zeit vor unserer Geburt im Mutterleib, später aus unserer Kindheit. Gleichzeitig jedoch sind wir Gefangene unserer Verhaltensmuster. Sie lassen keine Veränderung zu, sie entscheiden für uns, sie handeln für uns, sie sind „Wir“. 

Gongmeditation Satya Singh

Klang ohne Grenzen
Der Gong aber durchbricht sie. Yogi Bhajan, der Meister des Kundalini Yoga, sagte dazu: „The Gong is not sound, the gong is resound.“ Er erklärt: „Wenn du in die Berge gehst und nur ein Wort rufst, so wird das Echo tausend mal mehr erschallen und tausend Meilen weiter klingen. Das ist die Kraft des widerklingenden Sounds. Wir nennen es Anahad, der Klang ohne Grenzen.“

Der Gong klingt nicht durch den Schlag seines Spielers, er ertönt durch den Sound, der vom letzten Schlag zurück kommt und vermischt sich mit ihm zu einem neuen Klang. Und mit jedem einzelnen Gongschlag, addiert sich der Widerklang des Gongs zu einem Klangraum, der die Zuhörer hinfort trägt - der Resound. Er ist nicht vorhersehbar, er bedient kein Muster und verwirrt die Zuhörer. Ihr Verstand weiß ihn nicht einzuordnen. Der Gong durchbricht und öffnet dadurch die Teilnehmer. Wir bereiten uns mit einer kräftigen Übungsreihe aus dem Kundalini Yoga auf die Meditation vor. Anschließend  legen sich die Teilnehmer flach auf den Rücken, decken sich zu und entspannen sich. Sie erwarten den ersten Ton des Gongs, der noch ganz leise klingt und beginnt, seinen Klangteppich auszubreiten.


Die Kunst dieses Gongspiels wurde von Yogi Bhajan in alter mündlicher Tradition auf seinen Schüler Nanak Dev Singh übertragen. Dieser erklärte mir: „Spüre den Energiefluss der Gruppe und kreiere den Energiefluss, der vom Gong aus geht. Du selbst als Gongspieler bist nur ein hauchdünnes Papier. Du reagierst nicht. Durch dieses hauchdünne Medium nimmt dein Bewusstsein Informationen auf, die genutzt werden, um die Meditation zu führen.“ Ich weiß seit dem: Je reiner mein Bewußtsein ist, um so reiner sind die Informationen die durch mein Nervensystem gehen und sich im Gong manifestieren. Nanak Dev weist darauf hin, daß diese Reinheit essentiell ist, um sich auf die Schwingungen der energetischen Blockaden – alte Muster, Verletzungen oder Krankeiten der Teilnehmer einzustimmen und sie zu neutralisieren. Der Yogalehrer und Gongspieler sind nur ein Kanal, der die Informationen und Schwingungen der Teilnehmer durch sich hindurch aufnimmt und sie in der entgegengesetzten Richtung an seine Schüler abgibt.


Anahad
Nun kommt der Gong zu seinem Höhepunkt- dem weißen Sound. Er ertönt klar und rein, pure Kraft. Nichts kann ihm widerstehen. Die Lautstärke ist für viele unbeschreiblich. Dieser Sound ist Anahad. „Er vibriert, erschafft Licht und Leben“, so Yogi Bhajan. Ich fokussiere all meine Konzentration auf den Gong. Seine Wellen sind so stark, daß die Teilnehmer sie auf der Haut spüren können, der Holzbboden des Yogazentrums vibriert, die Wände werfen den Sound zurück und vermischen ihn mit den neuen Kängen – Resound pur. Jedes mal von Neuem, niemals vorhersehbar.

Nach dem weißen Sound sind Teilnehmer völlig offen. Muster und Blockaden wurden gelöst. Ich lasse das mächtige Instrumente lange ausklingen und führe sie so wieder zurück. In dieser Phase bringt der Gongspieler seine Schüler, wie ein erfahrener Bergführer, vom Gipfel wieder sicher zurück ins Tal. Dort erwachen sie und kehren zurück in die Realität auf ihrer Yogamatte. Der Blick in ihre Augen verrät, daß sie weit entfernt waren und der laufend Gedanken produzierende Verstand ruhig gestellt wurde. Manche Teilnehmer fochten einen inneren Kampf mit dem Gong. Die Hingabe zu ihm bedeutet das Loslassen der Kontrolle über sich selbst. Der ein oder andere Verstand möchte diese Kontrolle nicht abgeben und kämpft darum.

Ein neugieriger Yogi fragt: „Warum heißt der weiße Sound so?“ Nun, er ist der Höhepunkt der Gongmeditation. Wenn seine Energie am Stärksten ist, die Lautstärke und Frequenz am höchsten sind, dann sprechen wir vom „Weissen Sound“. Er ist vergleichbar mit dem direkten Sonnenlicht, das ohne gebrochen zu werden auf uns stahlt. Es ist weiß, klar und bringt die höchste sowie reinste Energie mit sich. Eine Teilnehmerin kommt zu mir und berichtet, eine unheimliche Hitze wäre über sie gekommen, als der Gong den weißen Sound spielte. Andere erklären regelmässig, daß sie Ängste durchstehen mußten. Aber niemanden läßt die Gongmeditation kalt. Und so zieht der Gong die Menschen seit Alters her in seinen Bann.

Sathya Singh A.J. Renner

Satya Singh ist Gongspieler und Kundalini Yogalehrer.

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